Freitag, Mai 18, 2012
   
Text Size

Wirtschaftliche Lebensplanung

Artikel als PDF

„Alles fließt“, die Essenz der Lehre des Philosophen Heraklit ist zwar 2500 Jahre alt, hat aber unverändert Bestand, auch für die moderne Finanzplanung. „Es ist unmöglich zweimal in denselben Fluss zu springen“, da dann schon wieder neues Wasser nachgeflossen ist. Auch in unserer modernen Welt ist ständig alles im Fluss und in Veränderung: ökonomisch, ökologisch, wissenschaftlich. Und genauso wenig wie ein Arzt ohne Schilderung der Symptome, ohne Labor- und Röntgenbefunde eine Diagnose stellen und therapieren kann, ist ein Finanzberater in der Lage, ohne Finanzplanung nachhaltige und spezifische Ratschläge zu geben.

Symptome

Die Ergebnisse einer Finanzplanung können durchaus auch als Paartherapie dienen. Hat doch die University of Virginia in einer groß angelegten Langzeitstudie festgestellt, dass „der ständige Streit ums Geld die Trennungswahrscheinlichkeit um 70 Prozent erhöht“. Dabei kann man sich schon recht leicht selbst helfen: „Finanzplanung für Anfänger“ ist die Führung eines Haushaltbuches. Altmodisch? Sicherlich! Praktiziert? Erstaunlich oft! Immerhin machen 28 Prozent der Haushalte in Baden-Württemberg, einer neueren repräsentativen Umfrage zufolge, genau das (bundesweit 15 Prozent). Wenn dann aber Themen wie Altersvorsorge, Krankheit, Erbschaft oder Börsencrash aufkommen, hilft diese light-Version nur bedingt weiter. Da muss noch etwas Weitergehendes, Vertiefendes kommen. Dafür muss man aber auch bereit sein, sich wirklich zu öffnen: gefühlsmäßig, unterlagentechnisch und finanziell.

Anamnese

Die Chronik der Lebensgeschichte ist in einer ganzheitlichen Betrachtung von allergrößter Wichtigkeit, egal ob beim Arzt oder beim Finanzplaner. Darauf aufbauend gehört auch die Freilegung von Wünschen, Zielen und Ängsten dazu. In der Beratungspraxis ist es immer wieder auffällig, wie wenig jahrzehntelang zusammenlebende Partner wirklich voneinander wissen. Konfuzius‘ „der Weg ist das Ziel“ wird an dieser Stelle gelebt: Man redet wirklich miteinander, man setzt sich auseinander, man hinterfragt sich. Die Auswertung dieser Einsichten stellt dann aber auch an den Berater hohe Anforderungen. Er muss wirklich bereit sein, sich einzulassen, er muss fühlen, er muss verstehen und er muss unvoreingenommen bewerten. Wohl dem, der einen Berater gefunden hat, der sich auch emotional so engagiert. Für diese sehr ausgedehnte Tätigkeit scheint der Begriff „wirtschaftliche Lebensplanung“ geeigneter zu sein, als die eher technisch-mathematisch klingende Bezeichnung „Finanzplanung“.

Laborwerte

Es gehört aber auch das Sammeln von Daten, das Ordnen, das Systematisieren und das Erfassen bestehender Verträge zur Kernaufgabe. Dies hat für sich genommen für viele schon eine ganz erhebliche Bedeutung. Viele Details müssen zusätzlich beschafft oder zumindest aktualisiert werden. Oftmals werden bei dieser Gelegenheit auch erstmalig Informationen verarbeitet, die bisher eher achtlos beäugt wurden, wie beispielsweise Rentenbescheide. Aufbauend auf diesem so gewonnenen Datenkranz gilt es, einzelne Größen zusammenzufassen und eine Struktur zu erkennen. Erst so kann ein Befund erkannt werden, dass beispielsweise eine zu hohe Immobilienquote besteht oder in der Geldanlage Depotstruktur und persönliche Risikoeinstellungen nicht zueinander passen. Häufig führt das dann zur Erkenntnis, dass weitere, andersartige Untersuchungen notwendig sind.

Röntgen

In den letzten Jahren hat sich ein breites Angebot an hervorragender Finanzplanungssoftware etabliert. Für jeden individuellen Geschmack, für jeden vorhandenen Ausbildungsstand, für jede gewünschte Beratungstiefe ist etwas dabei. Ein „Landarzt“ beispielsweise würde aufgrund der eher seltenen Nutzung erklärende und reduzierende Eingabemasken erwarten, ein „Facharzt“ dagegen würde jede erdenkliche Einstell- und Variationsmöglichkeit erhoffen. Dem letzten Anforderungsprofil entspricht beispielsweise der XPS-Vermögensplaner, der vollständig Excel-basiert ist und dadurch erhebliche Nutzungsvorteile für den Office-Kenner hat. Ein Facharzt, der ein eigenes Röntgengerät und eine eigene Röntgenassistentin hat, würde möglicherweise noch weitere Bilder in Erwägung ziehen, um einen Sachverhalt in allen nur denkbaren Facetten abzuklären. XPS ermöglicht genau dies für einen Finanzplaner, in dem feinste Veränderungen und schnelle Neusimulationen in jeder nur denkbaren Konstellation durchführbar sind.

Diagnose

Bestimmte Konstellationen und Risiken sollten turnusgemäß systematisch betrachtet werden (Krankheit, Berufsunfähigkeit, Arbeitslosigkeit usw.). Erst wenn man die Auswirkungen derartiger Annahmen auf das ganze Datengeflecht erkannt hat, kann man mögliche Fehlentwicklungen thematisieren. In letzter Zeit hat der sogenannte „Stresstest“ in der politischen Diskussion eine erhebliche Bedeutung gewonnen. Über diesen Weg versucht man Entwicklungen im Banken- und Versicherungssektor vorher zu sehen, die durch Veränderungen bestimmter Parameter hervorgerufen werden könnten. In der Finanzplanung wendet man dieses Verfahren bereits seit Jahrzehnten an, nennt es aber häufig Simulation oder Szenario. Das Ziel dieser Maßnahmen ist immer das Gleiche: Nach Auswertung der Untersuchungsergebnisse eine tragfähige Diagnose zu erhalten.

Chemotherapie

Heraklit hat es schon hinter sich, uns ereilt es unweigerlich noch: Der Tod. Wie ist der Partner versorgt? Wer soll bedacht werden? Welche Auswirkungen haben bestimmte Testamentskonstellationen? Im Berateralltag trifft man immer wieder auf seit vielen Jahren unverändert bestehende letzte Verfügungen, häufig in Form von Berliner Testamenten (gegenseitige Einsetzung als Alleinerben). Die Vermögensverhältnisse haben sich aber häufig erheblich entwickelt. Mit einem simplen Denkanstoß sind im Einzelfall viele Tausend Euro Erbschaftssteuer zu sparen: „Das bestehende Testament zu hinterfragen und gedanklich einfach zu zerreißen“, können doch so die Freibeträge der Kinder besser genutzt werden. Nach programmtechnischer Überprüfung und in Abstimmung mit einem Anwalt und Steuerberater, sollte unverzüglich die Erstellung einer individuell passenderen Vermögensnachfolgeregelung angegangen werden.

Herzschrittmacher

Ein weiteres Ergebnis ist immer auch die Erstellung einer privaten Vermögensbilanz, sowie einer Gewinn- und Verlustrechnung. Durch diese komprimierte und an Unternehmensbilanzen angelehnte Darstellungsform werden nachvollziehbare Grundlagen geschaffen, um Strukturen zu verdeutlichen und Veränderungen zu planen. Auf dieser Basis kann hochgerechnet und mit einer auch für nicht geschulte Blicke noch verständlichen Transparenz geplant werden. Zusätzlich helfen verschiedenartige graphische Darstellungen, wie Verlaufs- und Tortendiagramme. Angenehmer Nebeneffekt ist auch die Befriedigung der Informationsbedürfnisse finanzierender Banken durch Überreichung derartiger Ausarbeitungen.

Homöopathie

Wirtschaftliche Lebensplanung bedeutet aber nicht nur, die Menschen dort abzuholen, wo sie standen, sondern sie auch in einer geläuterten und selbstbestimmenden Verfassung wieder dort abzusetzen. Dazu haben insbesondere die intensiven Debatten mit dem Fremden, dem Prüfenden, dem Neu-Vertrauten, kurz dem sensiblen Berater beigetragen. Die ganzheitliche Betrachtung, die offenen Gespräche und die selbst erfahrenen Erkenntnisse sind das Entscheidende – nicht 80 Seiten Gutachten. Das ganz Wesentliche einer wirtschaftlichen Lebensplanung ist die Weiterentwicklung des Menschen. Zahlen und Tabellen sollten nur notwendiges Beiwerk sein.

Gesundheit

„Ein leidenschaftlicher Raucher, der immer von der Gefahr des Rauchens für die Gesundheit liest, hört in den meisten Fällen auf - zu lesen.“ Wer nach Durchführung einer wirtschaftlichen Lebensplanung aus innerer Überzeugung einen anderen Weg als den von Winston Churchill prognostizierten gehen will, für den hat sich die ganze Mühe gelohnt, liegt doch eine große emotionale und fachliche Anstrengung hinter allen Beteiligten. Die Königsdisziplin der Finanzberatung erfordert ohne Frage vor allem vom Berater erhebliche Bereitschaft, sich wirklich auf den Auftraggeber einzulassen. Aber am Ende wird man mit einer zwischenmenschlichen Tiefe der so entstandenen Mandantenbeziehung belohnt.